geh-lassen-heit

hohe winde und ankunft im kloster

Parkieren, los geht’s, zur Strasse runter, vom Punkt 566 MüM hoch Richtung Hohe Winde 1204 MüM. Der Wald ist tief verschneit. Eindrücklich. Unterhalb der „Chienflue“ steige ich in die Schneeschuhe und stapfe durch den 20 bis 50 cm hohen pulverigen Neu-schnee. Am Anfang bin ich noch sehr mit mir beschäftigt. Fein-Koordination von Füssen und Schnee-schuhen, Stöcken und Händen, Kopf und Alltag. Endlich wieder einmal laufen. Allmählich nehme ich meine Umgebung war, in mir auf. Bleibe oft stehen, lausche, schaue, staune. Oft versuche ich das Staunen mit meinem Fotoapparat einzufangen. So viele unglaublich schöne, feine und leise „Schnee-wesen“ umgeben mich. Verliert man da den Blick auf’s Einfache. Oder ist es nur das Einfache das man plötzlich wieder sieht?

Ich merke wie ich mich vom „Mechanischen“ löse, das ungewohnte Gehen wird übergangslos Geh-wöhnlich. Mir fallen Parallelitäten zu meinem Gehen auf dem Jakobsweg ein und ich kann den „Pilger-modus“ immer noch abrufen und mich hinein-begeben. Grösstenteils ist es sehr still, schon fast leise. Der stetige Anstieg lässt meinen Atem und Puls schneller werden. Ich schwitze, obwohl es Minus Vier Grad ist. Der bequeme, breite Weg liegt lange zurück. Ich folge einem Schneeschuh-Trail. Anfänglich sah es fast so aus, als könnte die Sonne ein Loch in die Wolken blinzeln, aber es war nur ein Versuch und nun beginnt es zu schneien. Ich verliere kurz die Orientierung. Karte und Landschaft wollen nicht übereinstimmen. Müssen sie das. Muss immer alles übereinstimmen. Kann man nicht auch einfach seinem Gefühl vertrauen. Ich tue es. Die Richtung stimmt, Zeit auch, Wegweiser sind vorhanden. Also weiter. Der Weg steigt steil an, oben an der Krete schält sich ein Stall aus dem Dunst, weitere Wegweiser. "Hohe Winde", ich bin leicht von der geplanten Route abgekommen. Ich wollte nicht bis ganz nach oben, halb so schlimm, Zeit und Sicht sind immer noch im grünen Bereich. Während dem ganzen Aufstieg war ich alleine. Keine Menschenseele weit und breit. Die Sicht reicht etwa 150 m. Der Wind klebt bizarre Schnee- und Eisgebilde an Äste und Zweige.

…„Wenn ich jetzt am Abend in meinem Kloster-zimmer schreibe und die letzten Zeilen durchlese, frage ich mich, ob ich über den heutigen Tag, über mein Leben oder übers Leben schreibe“...

Beim Abstieg kommen mir zwei Schneeschuhläufer entgegen. Wir grüssen uns und ziehen aneinander vorbei. Im Bergrestaurant „Vorderer Erzberg“ mache ich Mittagspause. Die warme Gaststube empfängt mich mit einer heimeligen Gemütlichkeit. Dunkles Holz, ein barchetes Sitzkissen auf der Bank am Fenster. Der geschmückte Weihnachtsbaum verliert bereits die ersten Nadeln. Die freundliche Wirtin serviert mir eine selbstgemachte Gemüse-suppe mit Spatz und Brot, schmeckt herrlich. Noch ein Hauskaffee, mehr braucht es nicht.

Der Rückweg führt zuerst auf einem zugewehten Wegstück über eine langgezogene Weide. Der Wind ist auch wieder da. Knietief liegt der Schnee, ohne meine Schneeschuhe und hohen Schneegamaschen wäre ich nur mühsam vorwärts gekommen. Der Wanderweg endet an einer kleinen Zubringerstrasse, die die abgelegenen Gehöfte mit der „Welt“ verbinden. An der Hauptstrasse angekommen entscheide ich mich für eine Abkürzung zum Kloster zurück. Es reicht für heute.

Im Kloster werde ich nach dem „Klingeln“ von Christoph herzlich empfangen und zu meinem Zimmer geführt. Wir gehen ins Hauptgebäude. Äussere Türe, Innere Türe, Kreuzgang, Treppenhaus. Beim Treppenantritt ist ein Schild an der Wand „Klausur“. Vor der Treppe ist ein dünnes Seil als Abschluss vorgehängt. Seil aushängen, durchgehen, Seil einhängen und da geschieht es wieder „hinter" dem Seil ist es ruhiger, dein Puls geht runter, es ist anders, besonders. Das kleine Zimmer ist warm, vertraut, die Matratze hart. Nach einer belebenden und wärmenden Dusche gehe ich ins kleine Esszimmer. Stefanie und einige Gäste sitzen bereits beim „Kaffeegespräch“. Die meisten kenne ich noch nicht, aber wir sind einander nicht fremd. Wir stellen uns kurz vor. Bis zum Abendessen um 19:00 Uhr bleibt noch Zeit um Siesta zu machen. Wir, mittlerweile elf Personen treffen uns wieder im kleinen Esszimmer im Hauptgebäude. Hier merkt man, dass der Klosteralltag stark strukturiert ist. Die einfachen Speisen und der Tee werden gemeinschaftlich auf dem Tisch verteilt. Jeder Gast nimmt sich eine Stoffserviette und einen hölzernen Serviettenring in Form eines Tieres. Irgendwie entsteht eine Sitzordnung, bzw. alle stehen hinter ihren Stühlen und warten bis der letzte Gast an seinem Platz ist. Dies und das anschliessende Essen geschieht in „Stille“, ob Morgen-, Mittag oder Abendessen. Stefanie liest ein kurzes Tisch- und Dankesgebet, dann setzen wir uns und schenken einander Tee ein, Brot, Käse, Butter und Konfitüre werden herumgereicht, dann wünscht man: „guten Appetit“ und jetzt erst wird gegessen. Wenn alle fertig sind, wird wieder ein kurzes Gebet gesprochen und man räumt den Tisch gemeinschaftlich ab und macht den Abwasch, dabei wird dann wieder „gesprochen“. Bis zum Nachtgebet zieht man sich aufs Zimmer oder in die Bibliothek zurück. Im Advent, bis zum 6. Januar findet der Nacht Komplet in der spärlich beleuchteten und kühlen Kirche statt, sonst im Untergeschoss in der Krypta. Mit dem Text-büchlein und einer Kerze setzt du dich um 21:00 Uhr in den Kirchenchor. Ich bin jetzt zum vierten Mal hier, die Räume und die Kirche wirken sehr vertraut. Die besinnlichen Texte, die geflüsterten Lieder und die Stille dazwischen wirken sehr auf uns. Beim Hinaus-gehen, stellen sich alle in eine Reihe und man wünscht sich eine gute Nacht und geht dann zu Bett. Die Männer im Brüder-Haus und die Frauen im Spiess-Haus.